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Das Nachtleben kämpft ums Überleben



Dicht an dicht in schlecht oder kaum gelüfteten Räumen? Undenkbar momentan. Die Berliner Clubszene pausiert. (Sophia Kembowski / dpa)

Die Berliner Clubs sorgen sich um ihre Existenz. Die Coronakrise trifft sie besonders hart. Am Tag der Clubkultur öffneten sie ihre Türen und präsentierten Musik, Kunst, Performances und Diskussionen – bei strenger Maskenpflicht und Abstandsregeln.

Letztens habe ich in meiner Lieblingsbar getanzt. Ich, wie alle anderen, saß wie festgenagelt auf einer Bank. Ich wirbelte mit den Armen – synchron mit meinem Gegenüber am anderen Ende des kleinen Raums. Das wäre eigentlich der Zeitpunkt gewesen, an dem wir uns vor Corona auf der Tanzfläche nähergekommen wären.

So blieb uns nur, einander zuzulächeln. Selbst im Theater lässt sich die soziale Distanz unter Wahrung physischen Abstands halbwegs überbrücken, nur im Club, nur in einer Bar heißt „Social Distancing“ Physical Distancing. Feiern, ohne sich einander nahekommen zu können? Vergiss es.

Für eine inklusive Clubkultur

„Ich brauche den realen Menschen für das Gefühl von Party. Wir erleben etwas Gemeinsames. Wir sind in Verbindung, wir sind eine Community. Safe Space, untereinander sein, einander vermisst haben, wieder sehen können – das ist alles nicht mehr so möglich“, sagt İpek İpekçioğlu.

Als DJ Ipek gehört sie zum Urgestein der Berliner Clublandschaft. Wie keine andere steht sie für eine inklusive Clubkultur, in der Transmenschen genauso ihren Platz haben wie Schwule, Lesben und Menschen mit Migrationshintergrund.

Genau um diese Kultur ging es beim Tag der Clubkultur in Berlin. Für einen Tag und einen Abend öffneten das Kitkat, die Wilde Renate, die Griessmühle und viele andere Orte ihre Türen. Musik, Kunst, Performances, Diskussionen – bei strenger Maskenpflicht und Abstandsregeln
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Auch der Berliner Club „Wilde Renate“ ist aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. (imago images / Emmanuele Contini)

Dank Kultursenator Klaus Lederer und seiner Behörde, der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, hatten ein paar auch einen Grund zu feiern: 40 Clubs und Kollektive wurden mit jeweils 10.000 Euro belohnt für inklusive Partykonzepte, für kulturelles und soziales Engagement, wie zum Beispiel das „GEGEN“-Kollektiv, das vor Corona seine Party- und Kunsthappenings im Kitkat-Club organisierte. An den Grenzen der Corona-Bestimmungen war im Kitkat kein Vorbeikommen – queere Comic-Kunst und eine SM-Performance statt Tanzen. Das Preisgeld ist bitter nötig für Künstler und DJs.

Auf der Terrasse vor dem Haus der Kulturen der Welt (HKW) spielt der DJ vor einer Handvoll Besucher und Besucherinnen: „Give me a reason to love you“. Gründe, sich zu lieben, entdecken gerade Kultursenator und Clubbetreiber. Klaus Lederer scheint zu helfen, wo er kann – nicht nur mit Preisgeldern. Nachtleben ist eben mehr als hedonistischer Feierspaß.

Unterstützung vom Kultursenator

Für den Kultursenator von der Linken ist schon lange klar, „dass Clubs unfassbar innovative Kulturorte sind, in denen in der Vergangenheit neue Musikstile, auch neue performative Stile entstanden sind. Und sie sind auch Safe Spaces, Orte des Rückzugs für Menschen, die sich vielleicht an anderen Orten der Stadt nicht so sicher fühlen können.“


Berlins Kultursenator hilft, wo er kann. Doch mit 200 Vermietern einzeln zu verhandeln, um den Clubs zu helfen, schafft er nicht, wie er sagt. (Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa)

Zur Diskussion vor dem HKW sitzt mit Lederer auf dem Podium neben DJ Ipek auch die schwarze Kulturmanagerin Lewamm Ghebremariam. Sie sagt: „Ich hoffe, dass alle Clubs im nächsten Jahr noch da sind.“ Doch ohne staatliche Hilfen geht das nicht.

„Was wir jetzt im Augenblick machen, sind Hilfsprogramme, die es ermöglichen, das Delta zwischen weggebrochenen Einnahmen und Fixkosten auszugleichen“, sagt Lederer. Schade nur, dass niemand auf dem Podium sitzt, der für die Fixkosten verantwortlich ist: die Eigentümer der Clubimmobilien.

Die Fixkosten entwickeln sich zum Problem

„Die Diskussion findet auf jeden Fall intern statt, vor allem, weil sich die Clubs dramatisch damit auseinandersetzen müssen, weil eine Stundung ja nicht heißt, dass sie nichts bezahlen müssen, sondern: Die Rechnung kommt eines Tages“, sagt Markus Lindner. Er ist Musikproduzent und DJ.

Öffentlich will sich keiner der Clubbetreiber dazu äußern. Niemand will es sich mit dem eigenen Vermieter verderben. Dazu Lederer: „Wir versuchen da, wo öffentliche Vermieter sind, zu stunden, gegebenenfalls sogar die Mietschulden zu erlassen, damit die weiter arbeiten, weiter existieren können.“

Auch der Senator gerät an seine Grenzen

Aber bei privaten Vermietern sind auch dem Kultursenator die Hände gebunden. Er sagt: „Wir sind mit unseren Soforthilfeprogrammen so beschäftigt, dass ich mir derzeit nicht vorstellen kann, mit völlig offenem Ergebnis 200 Einzelverhandlungsprozesse mit Vermietern zu führen.“
Der Tag der Clubkultur in Berlin hatte vor allem eine Botschaft: „Hey! Uns gibt es, wir leben noch“, sagt DJ Ipek, bevor sie das ausspricht, was alle hier denken: „Hoffnung ist des Armen Brot. Ich hoffe, dass wir das mit Corona bald im Griff haben.“
Ja, hoffentlich, hoffentlich bald! Sie fehlen mir schmerzlich – meine Tanzabende mit Fremden in meiner Lieblingsbar und im Club.

Von Gerd Brendel


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